Donnerstag, 6. September 2012

Woche 25 und 26

Labas!
Diesmal kommt Teil zwei des Resümees: Was ist anders als in Deutschland?
  • Lohn: Die Leute hier verdienen sehr viel weniger Geld. Manche langjährige Mitarbeiter mit leitenden Funktionen in meinem Park haben ein Monatseinkommen, von dem man sich kaum einen Hin- und Rückflug nach Deutschland leisten kann. Anders ausgedrückt: Was wir als „Taschengeld“ bekommen, ist für meine Kollegen Monatslohn. Sie müssen aber noch die Miete davon bezahlen.
  • Lebenshaltungskosten: Gleichzeitig sind die Preise hier nicht so viel niedriger. Milch und Milchprodukte etwa haben den gleichen Preis wie in Deutschland. Ich frage mich wirklich, wie die Leute das schaffen. An dem Punkt gehen sie aber nur ungern ins Detail.
  • Alkohol: Bereits an vielen Stellen habe ich das Thema angesprochen (Woche 2, 3/4, 6, letzte Woche). Schon bei unserem ersten Seminar im April wurde uns vor Augen geführt, daß der Großteil der Dorfbevölkerung dauerbetäubt vor sich hin lebt. Wir saßen im Bus, als dieser plötzlich anhielt. Der Grund: Ein Betrunkener lag auf der Straße und schlief. Wir weckten ihn auf, aber er stand nicht auf, hob nur den Oberkörper, um uns vorbeizulassen. Eine andere Geschichte kommt von Roma: Sie fuhr neulich mit einer Gruppe aus unserem Park mit dem Dampfer nach Nida. Auf der Rückfahrt war der Kapitän partout nicht wachzubekommen. Als er schließlich doch aufwachte, stellte sich heraus, daß er voll war wie nur sonst wer. Nach einer Beschwerde der Passagiere wurde er abgelöst und kann sich nun wohl ohne Job den ganzen Tag dem Alkohol widmen. Jeder der Freiwilligen hat eine solche Geschichte zu erzählen.
  • Himmel: Die Dämmerung hält hier ewig an, weil Litauen weiter nördlich liegt, vor allem im Sommer. Das zaubert wunderschöne Muster an den Himmel. Gleichzeitig kommt mir der Mond größer vor, aber das ist sicher Einbildung. Und schließlich kann man hier alle Sterne sehen, was in Deutschland an immer weniger Orten möglich ist, in Berlin schon lange nicht mehr.
Sonstiges:
  • Es gibt keine Praxisgebühr.
  • Sonntags haben alle Supermärkte geöffnet, auch in Plateliai.
  • Am Tag vor einem Feiertag können Museen und andere öffentliche Einrichtungen eine Stunde eher schließen.
  • Die Schule endet am 31. Mai und beginnt am 1. September, für alle Schüler. Am ersten Schultag ist der Verkauf von Alkohol verboten.
  • Alle Youtube-Videos sind hier verfügbar.

Vor zwei Wochen waren Roma und ich Tomáš und Berta besuchen, die 50 km von uns entfernt leben und in einem Regionalpark als Freiwillige arbeiten. Die Stadt, in der sie leben, Mažeikiai, ist nicht der Rede wert, eine ehemalige Ölarbeiterstadt, zu Sowjetzeiten aus dem Boden gestampft. Aber in ihrer Küche hing ein Triptychon von bemerkenswerter Häßlichkeit, das ich euch nicht vorenthalte möchte. Man beachte die drei Tischenden.


Letzten Sonnabend war wie gerade geschrieben der erste Schultag (eigentlich aber nur wochentags). Roma und ich sollten für die Kamera körperliche Arbeit vortäuschen, indem wir etwas schmiedeten, nämlich jeweils einen Nagel. Seht selbst:


War sonst noch was? Ach ja: In meinem Park gibt es den Alka-Berg von Mikytai (Mikytų alkakalnis), einen Berg, der in vorchristlichen Zeiten eine heilige Stätte war. An dessen Fuße liegt ein Stein, in dem der Sage nach der Fußabdruck des Teufels zu sehen ist. Als ich fragte, wo genau man den Fußabdruck sehen könne, sagte Aldona, sie wisse es nicht. Das sei Teil der Sage. Ziemlich lahm, aber was soll's.


Und daneben befindet sich ein Sumpf.


Unweit dieser Stelle, in einem Dorf namens Ubagai, befindet sich auch der größte Stein Litauens (links im Bild).

Dann war da noch der schönste Regenbogen, den ich jemals gesehen habe.

Und mein Mitfreiwilliger Mariano ist hier eine Woche im Austausch. Eigentlich arbeitet er in Dzūkija im Süden des Landes. Wir können aber in diesem Herbst für jeweils eine Woche in einen anderen Park gehen zum Austausch. Edita, meine Mentorin, arbeitete heute den ganzen Tag mit Mariano. Abends erzählte er, daß sie ihm Äpfel aus ihrem Garten mitbrachte (mir noch nie), den ganzen Tag gelacht habe (sonst ist das eher selten) und ihm gesagt habe, er wäre mal besser in unserem Park Freiwilliger geworden. Na toll!


Wörter zum Mitlernen:
šachmatai: Schach
praustis po dušu: duschen (vgl. „Brause“, „Dusche“)
bormašinė: Bohrmaschine

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