Nun
bin ich fast schon sechs Monate hier, es ist Zeit, ein erstes Resümee
zu ziehen. Diese Woche zähle ich Dinge auf, die ich am meisten
vermisse (abgesehen von allen lieben Menschen in Deutschland):
- ÖPNV/ein ordentliches Fahrgastinformationssystem: Es gibt in Litauen eine Eisenbahn, sie ist auch sehr günstig, aber hat leider nicht allzu viele Strecken. Deshalb fahren alle überall hin mit dem Bus, der teurer und langsamer ist. Einmal durch das Land dauert 12 Stunden. Ich vermute zusammen mit einigen anderen Freiwilligen, daß dadurch das Land größer wirken soll, als es ist (65.000 km², etwas kleiner als Bayern). Wenn man eine Reise planen will, kann man auch nicht einfach in den Computer einen Start- und Zielort eingeben: Da die Buslinien alle von unterschiedlichen Unternehmen betrieben werden, zeigt das Internet nur Direktverbindungen. Man muß also stets raten, wo ein Bus entlangfahren könnte, um eine Fahrt zu einem weiter entfernt liegenden Ort zu planen.
- deutsches Brot/Bäckereien: Das Brot hier hat zwar eine ähliche Konsistenz wie in Deutschland, ist aber sehr süß, zudem ist es nicht möglich, es frisch zu kaufen, nur abgepackt in Supermärkten. Bäckereien gibt es so gut wie nicht. Es ist deshalb oft etwas pappig.
- Käse/Brotaufstrich: Die meisten Käsesorten bestehen großteils nicht aus Milch, sondern aus Fetten und Eiweiß, sind also „Analogkäse“. Leider schmeckt der echt gruselig. In Deutschland wäre ich in einem solchen Fall auf pflanzlichen Brotaufstrich ausgewichen, aber so etwas gibt es hier nicht. Nur Familienpackungen mit Wurst.
- gutes Bier: Obwohl Litauen als „Bierland“ bezeichnet wird, ist das hierzulande hergestellte Bier eher mäßig. Als wir mal einen litauischen Schauspieler zu Gast hatten und der mir ein Paderborner Pils aus der Dose feilbot, brachte mich das endgültig vom Plan ab, mich alkoholisch zu integrieren.
- artige Hunde: Die Dorfhunde mögen keine Fremden. Wenn man sich ihnen nähert, knurren und bellen sie. Einer, der offenbar schlecht behandelt wurde, fängt ohne ersichtlichen Grund an, auf mich loszurennen und dabei wie wild zu bellen, wen ich an ihm vorbeigehe. Neulich beobachtete ich einen Hundehalter, der seinen Hund schlug, weil dieser nervös war. Viele Hunde werden in Käfigen gehalten. Dadurch bessert sich ihre Laune natürlich auch nicht gerade.
- einen Ofen: Wir haben hier nur eine Mikrowelle, d.h. Ich brate oft, statt zu backen. Das ist ungesund. Aber kein generelles litauisches Problem.
Vor
zwei Wochen waren meine Freundin Friederike und ich in Klaipėda.
Bestimmten bei meinem Besuch im Mai noch großteils menschenleere
Straßen das Bild, war die Stadt nun zum Bersten voll, was wohl vor
allem an der 760-Jahr-Feier der Stadt lag.
Unmittelbar
angrenzend an Klaipėda – getrennt nur
vom Kurischen Haff – beginnt die Kurische Nehrung. Dort waren wir
im Meeresmuseum.
Seestern
Waschbeckengroße
Muscheln
In
Nida auf der Nehrung sahen wir das Thomas-Mann-Haus. Der Ort verfügt
zudem über einzigartige Fischerhäuschen. Weiterhin besuchten wir
den Ort Juodkrantė und bestiegen dort den Hexenberg. Dort gibt es
über 80 hölzerne Skulpturen von Künstlern des ganzen Landes, die
Hexen, Sagenfiguren etc. handeln.
Blick
in die Evangelische Kirche Nida
Auf
dem Hexenberg (Raganų kalnas)
Die
Kurenwimpel waren früher Erkennunngszeichen der Fischer, jedes Dorf
am Kurischen Haff hatte ein eigenes Symbol.
Die
Kurische Nehrung, übrigens Welterbe, ist einer der schönsten Orte
Litauens und unbedingt einen Besuch wert!
Dann
waren wir noch auf einem Konzert in einem Nachbarort, auf dem die in
Litauen bekannte Gruppe Skylė (dt. „Loch“) auftrat. Unter
anderem sangen sie ein Lied in altpreußischer Sprache, der Sprache
also, die bis ins 17. Jahrhundert in der Region Preußen gesprochen
wurde. Wenn ihr Interesse habt: Das Lied heißt „Ukadebbaisis“
und ist auf Youtube zu finden.
Am
letzten Mittwoch (15.8.) war ein von mir bisher wenig beachteter
Feiertag – hier in Litauen ist er arbeitsfrei. Die Rede ist von
Mariä Himmelfahrt. Christi Himmelfahrt ist hier übrigens kein
freier Tag. Ist im Katholizismus dieser Tag nicht ebenfalls wichtig?
Oder haben die Litauer nur einen Feiertag abgeschafft, um im
europäischen Wettbewerb mitzuhalten? Fachkundige Antwort erwünscht,
auch zur Frage, was am 15. August eigentlich genau gefeiert wird. Auf
jeden Fall fand ein Kreuzweg im Nachbarort Beržoras
statt: Dort befinden sich 14 Kapellen ringsum das Dorf auf Hügeln,
unter Bäumen etc., sehr malerisch. Ich traute mich nicht so recht,
Fotos zu machen, vor allem nicht während der religiösen Handlungen
vor jeder Kapelle: Wer konnte, hockte sich hin, während der Pfarrer
einen Text sprach, dann wurde etwas gesungen, dafür hatte einer der
Musiker extra ein batteriebetriebenes Keyboard mit Orgelklang
mitgenommen. Andere hatten jedenfalls weniger Hemmungen als ich, sie
knipsten selbst während dieser Zeremonie. Zum Beispiel Aldona.
Foto: Aldona Kuprelytė
Letzten
Freitag waren wir zu Gast im Regionalpark Gražutė, der im Nordosten
des Landes in der Region Aukštaitija liegt. Alle Parkmitarbeiter
Litauens waren eingeladen. Wir machten einen Kanuausflug, bei dem wir
durch Schilfgürtel, schmale Kanäle und über im Wasser liegende
Baumstämme fahren mußten. Es war spaßig, aber ich habe keine
Fotos. Nachdem im März meine Kamera schon mal baden ging, wollte ich
nichts riskieren. Abends dann hatten wir ein Erlebnis, das
traurigerweise auch typisch litauisch ist. Ein Mitarbeiter eines
anderen Parks ging neben uns zu Boden, sein Gleichgewichtssystem war
offenbar dem Alkohol zum Opfer gefallen. Zwei Stunden später sahen
wir ihn immer noch daliegen, es wurde zunehmend kühl und er war
barfuß, und wenn wir nicht seiner gewahr worden wären, wer weiß,
was passiert wäre.
Dann
war letztes Wochenende noch ein Mittelaltermarkt, auf dem es allerlei
Kram zu kaufen zu gab. Außerdem kämpften als Ritter verkleidete
Leute gegeneinander in einem Turnier. Es waren auch einige Lette und
Polen dabei, aber das Publikum ergriff immer für die Litauer Partei.
Der Sieger jedes Kampfes wurde von einer Jury bestimmt, es ging also
nicht darum, durch Gewalt weiterzukommen, im Gegenteil, man konnte
dann ganz schnell disqualifiziert werden. Am Ende siegte ein Litauer.
Ich
hoffe, ich habe euch mit dem Text nicht erschlagen. Bis demnächst!
rotušė:
Rathaus
bažnyčia:
Kirche
aikštė:
Platz