Mittwoch, 22. August 2012

Woche 23 und 24

Nun bin ich fast schon sechs Monate hier, es ist Zeit, ein erstes Resümee zu ziehen. Diese Woche zähle ich Dinge auf, die ich am meisten vermisse (abgesehen von allen lieben Menschen in Deutschland):

  1. ÖPNV/ein ordentliches Fahrgastinformationssystem: Es gibt in Litauen eine Eisenbahn, sie ist auch sehr günstig, aber hat leider nicht allzu viele Strecken. Deshalb fahren alle überall hin mit dem Bus, der teurer und langsamer ist. Einmal durch das Land dauert 12 Stunden. Ich vermute zusammen mit einigen anderen Freiwilligen, daß dadurch das Land größer wirken soll, als es ist (65.000 km², etwas kleiner als Bayern). Wenn man eine Reise planen will, kann man auch nicht einfach in den Computer einen Start- und Zielort eingeben: Da die Buslinien alle von unterschiedlichen Unternehmen betrieben werden, zeigt das Internet nur Direktverbindungen. Man muß also stets raten, wo ein Bus entlangfahren könnte, um eine Fahrt zu einem weiter entfernt liegenden Ort zu planen.
  2. deutsches Brot/Bäckereien: Das Brot hier hat zwar eine ähliche Konsistenz wie in Deutschland, ist aber sehr süß, zudem ist es nicht möglich, es frisch zu kaufen, nur abgepackt in Supermärkten. Bäckereien gibt es so gut wie nicht. Es ist deshalb oft etwas pappig.
  3. Käse/Brotaufstrich: Die meisten Käsesorten bestehen großteils nicht aus Milch, sondern aus Fetten und Eiweiß, sind also „Analogkäse“. Leider schmeckt der echt gruselig. In Deutschland wäre ich in einem solchen Fall auf pflanzlichen Brotaufstrich ausgewichen, aber so etwas gibt es hier nicht. Nur Familienpackungen mit Wurst.
  4. gutes Bier: Obwohl Litauen als „Bierland“ bezeichnet wird, ist das hierzulande hergestellte Bier eher mäßig. Als wir mal einen litauischen Schauspieler zu Gast hatten und der mir ein Paderborner Pils aus der Dose feilbot, brachte mich das endgültig vom Plan ab, mich alkoholisch zu integrieren.
  5. artige Hunde: Die Dorfhunde mögen keine Fremden. Wenn man sich ihnen nähert, knurren und bellen sie. Einer, der offenbar schlecht behandelt wurde, fängt ohne ersichtlichen Grund an, auf mich loszurennen und dabei wie wild zu bellen, wen ich an ihm vorbeigehe. Neulich beobachtete ich einen Hundehalter, der seinen Hund schlug, weil dieser nervös war. Viele Hunde werden in Käfigen gehalten. Dadurch bessert sich ihre Laune natürlich auch nicht gerade.
  6. einen Ofen: Wir haben hier nur eine Mikrowelle, d.h. Ich brate oft, statt zu backen. Das ist ungesund. Aber kein generelles litauisches Problem.

Vor zwei Wochen waren meine Freundin Friederike und ich in Klaipėda. Bestimmten bei meinem Besuch im Mai noch großteils menschenleere Straßen das Bild, war die Stadt nun zum Bersten voll, was wohl vor allem an der 760-Jahr-Feier der Stadt lag.

Unmittelbar angrenzend an Klaipėda – getrennt nur vom Kurischen Haff – beginnt die Kurische Nehrung. Dort waren wir im Meeresmuseum.

Seestern

Waschbeckengroße Muscheln

In Nida auf der Nehrung sahen wir das Thomas-Mann-Haus. Der Ort verfügt zudem über einzigartige Fischerhäuschen. Weiterhin besuchten wir den Ort Juodkrantė und bestiegen dort den Hexenberg. Dort gibt es über 80 hölzerne Skulpturen von Künstlern des ganzen Landes, die Hexen, Sagenfiguren etc. handeln.

Blick in die Evangelische Kirche Nida

Auf dem Hexenberg (Raganų kalnas)

Die Kurenwimpel waren früher Erkennunngszeichen der Fischer, jedes Dorf am Kurischen Haff hatte ein eigenes Symbol.


Die Kurische Nehrung, übrigens Welterbe, ist einer der schönsten Orte Litauens und unbedingt einen Besuch wert!

Dann waren wir noch auf einem Konzert in einem Nachbarort, auf dem die in Litauen bekannte Gruppe Skylė (dt. „Loch“) auftrat. Unter anderem sangen sie ein Lied in altpreußischer Sprache, der Sprache also, die bis ins 17. Jahrhundert in der Region Preußen gesprochen wurde. Wenn ihr Interesse habt: Das Lied heißt „Ukadebbaisis“ und ist auf Youtube zu finden.

Am letzten Mittwoch (15.8.) war ein von mir bisher wenig beachteter Feiertag – hier in Litauen ist er arbeitsfrei. Die Rede ist von Mariä Himmelfahrt. Christi Himmelfahrt ist hier übrigens kein freier Tag. Ist im Katholizismus dieser Tag nicht ebenfalls wichtig? Oder haben die Litauer nur einen Feiertag abgeschafft, um im europäischen Wettbewerb mitzuhalten? Fachkundige Antwort erwünscht, auch zur Frage, was am 15. August eigentlich genau gefeiert wird. Auf jeden Fall fand ein Kreuzweg im Nachbarort Beržoras statt: Dort befinden sich 14 Kapellen ringsum das Dorf auf Hügeln, unter Bäumen etc., sehr malerisch. Ich traute mich nicht so recht, Fotos zu machen, vor allem nicht während der religiösen Handlungen vor jeder Kapelle: Wer konnte, hockte sich hin, während der Pfarrer einen Text sprach, dann wurde etwas gesungen, dafür hatte einer der Musiker extra ein batteriebetriebenes Keyboard mit Orgelklang mitgenommen. Andere hatten jedenfalls weniger Hemmungen als ich, sie knipsten selbst während dieser Zeremonie. Zum Beispiel Aldona.

Foto: Aldona Kuprelytė
 
Letzten Freitag waren wir zu Gast im Regionalpark Gražutė, der im Nordosten des Landes in der Region Aukštaitija liegt. Alle Parkmitarbeiter Litauens waren eingeladen. Wir machten einen Kanuausflug, bei dem wir durch Schilfgürtel, schmale Kanäle und über im Wasser liegende Baumstämme fahren mußten. Es war spaßig, aber ich habe keine Fotos. Nachdem im März meine Kamera schon mal baden ging, wollte ich nichts riskieren. Abends dann hatten wir ein Erlebnis, das traurigerweise auch typisch litauisch ist. Ein Mitarbeiter eines anderen Parks ging neben uns zu Boden, sein Gleichgewichtssystem war offenbar dem Alkohol zum Opfer gefallen. Zwei Stunden später sahen wir ihn immer noch daliegen, es wurde zunehmend kühl und er war barfuß, und wenn wir nicht seiner gewahr worden wären, wer weiß, was passiert wäre.

Dann war letztes Wochenende noch ein Mittelaltermarkt, auf dem es allerlei Kram zu kaufen zu gab. Außerdem kämpften als Ritter verkleidete Leute gegeneinander in einem Turnier. Es waren auch einige Lette und Polen dabei, aber das Publikum ergriff immer für die Litauer Partei. Der Sieger jedes Kampfes wurde von einer Jury bestimmt, es ging also nicht darum, durch Gewalt weiterzukommen, im Gegenteil, man konnte dann ganz schnell disqualifiziert werden. Am Ende siegte ein Litauer.


Ich hoffe, ich habe euch mit dem Text nicht erschlagen. Bis demnächst!

rotušė: Rathaus
bažnyčia: Kirche
aikštė: Platz