Freitag, 6. Juli 2012

Woche 14 bis 17


Mein letzter Eintrag endete mit einer Lüge. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Es gab in der darauffolgenden Woche nicht Bilder von Kaunas zu sehen, sondern gar nichts. Auch nicht in den Wochen danach. Das hängt damit zusammen, daß ich mich in der Zwischenzeit in Deutschland aufhielt und davor partout keine Zeit aufbrachte (und, ja, auch keine rechte Motivation), einen neuen Text zu schreiben. Nun bin ich mit neuer Kraft zurück.

Die Zeit in Berlin war schön, sehr schön sogar, aber darum soll es hier nicht gehen. Wenn ich zurückkomme, könnte es aber sein, daß ich in einem neuen Blog etwas über Berlin schreiben werde. Deshalb also ein paar Worte zu Kaunas.

Kaunas ist vom Aussehen her sehr ambivalent. Die Innenstadt ist höchst interessant, aber nicht ohne Brüche. Die wichtigste Straße in der Innenstadt ist wahrscheinlich die Laisvės alėja (Freiheitsallee), eine 1,6 km lange Fußgängerzone, die am Übergang zur Altstadt in die Vilniaus gatvė mündet, ebenfalls eine Fußgängerzone. Dort sah ich mir mit meinem Kompagnon Vincent sowie einer ebenfalls deutschen Freiwilligen aus Kaunas das EM-Spiel Deutschland gegen Portugal an.

Vilniaus gatvė

Wie bei Joachim Gauck geht es in Litauen oftmals um das Thema Freiheit. Deshalb sind allerorten Skulpturen, Monolithe und Plastiken diesem Thema gewidmet. Auch in meinem Blog habe ich dieses Thema schon mindestens einmal aufgegriffen. In Woche 3/4 erzählte ich von Kryžių kalnas, dem Berg der Kreuze, der ein Symbol nicht nur religiöser Freiheit darstellt. In Plateliai gibt es eine Stele, die daran erinnert, und auch in Kaunas gibt es Freiheitsstatuen.

Denkmal „für die Mutter der für die Freiheit Gestorbenen“

Ewige Flamme für die Freiheit

Schließlich waren Vincent und ich noch im Devintas fortas (Neuntes Fort), das lange Zeit als Straflager diente und an dem man wiederum den Stellenwert der Freiheit in diesem Lande ablesen kann: Im ersten Weltkrieg, nach Jahrhunderten der russischen Fremdherrschaft, wurde Litauen von deutschen Truppen besetzt, 1918 erklärte es dann seine Unabhängigkeit. 1928 ergriff ein litauischer Diktator die Macht. Aus dieser Zeit datiert die erste Hinrichtung durch Vergasung auf litauischem Boden, die in besagtem Fort vollstreckt wurde.

Einzelzelle

1940 kamen die Sowjets und deportierten zahlreiche Menschen nach Sibirien, wenn diese nicht in Lagern wie dem Fort festgehalten, gefoltert und hingerichtet wurden. Ein Jahr später marschierten erneut die Deutschen ein und vernichteten alles jüdische Leben – nach eigenen Angaben brauchten sie die Litauer nur „anzuleiten“, die sehr aktiv die Verfolgung der Juden betrieben.

Plastik „Judenverfolgung“

1944 wurde Litauen dann erneut von der Sowjetunion besetzt. Eine alte Dame, die ich vor ein paar Tagen traf, meinte, unter Hitler habe sie deutsch gelernt, sie habe eine gute Erinnerung an diese Zeit. An die Sowjet-Ära weniger, da große Teile ihrer Familie nach Sibirien mußten. Der Direktor eines benachbarten Regionalparks erzählte mir mal, er könne eher mit jemandem leben, der ein Hakenkreuz-T-Shirt trage, als mit jemandem, auf dessen Oberkleidung die sowjetische Flagge prange. Gleich darauf nahm er das zurück und meinte, er lehne jede Form der Gewaltherrschaft ab, eigentlich jede Form der Herrschaft, man müsse es mal mit Anarchie versuchen. Wir führten ein anregendes Gespräch.

So viel zum Thema Freiheit.

Auf meiner Reise nach Berlin war ich noch kurz in Riga. Auch hier steht eine riesige Freiheitsstatue, Roma erklärte mir die Bedeutung dieser Statue für das ganze Land, das ebenfalls immer unter Fremdherrschaft stand. Aber davon abgesehen gibt es keinerlei Vergleichsmöglichkeit mit Kaunas, die Stadt ist einfach ein ganz anderes Kaliber. Sie ist meines Erachtens die schönste Stadt des Baltikums, soweit ich das bis jetzt beurteilen kann. Vieler meiner Mitfreiwilligen werden mir in diesem Punkt vehement widersprechen, weil sie Vilnius besser finden. Aber ist ja auch egal. Zwei Bildbelege folgen. Beim zweiten Bild habe ich den deutschen Namen angeführt, weil das Gebäude aus der Zeit der Besiedlung durch Deutsche entstand, im Jahre 1334.

Freiheitsstatue (lettisch: Brīvības piemineklis)

Schwarzhäupterhaus (Melngalvju nams)

Wörter zum Mitlernen:
laisvė: Freiheit
futbolas: Fußball
atostogauti: im Urlaub sein

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