„Ich bin nicht rassistisch,
aber ich möchte nicht, daß meine Tochter einen Dunkelhäutigen
heiratet.“ Als
ich dies aus dem Mund einer der vor Ort beschäftigten
Englischlehrerinnen hörte, mußte ich schlucken. Ich hätte nie
gedacht, daß Inhalt meines interkulturellen Lernens sein würde, zu
lernen, wie intolerant Europa doch sein kann. Denn die
Englischlehrerin ist kein Einzelfall. Mehrere Menschen, die ich hier
getroffen habe, äußerten Befürchtungen, überfremdet zu werden
durch immer mehr Zuwanderer (dabei ist Litauen das EU-Land mit den
wenigsten Nicht-Muttersprachlern), eine andere Sorge geht dahin,
durch die offenen Grenzen von Kriminalität überrollt zu werden,
z.B. von „gypsies“.
Aber auch (vielleicht: gerade) schlechte Eindrücke sind gute
Erfahrungen.
Ich
wollte schon lange mal was über das hiesige Essen erzählen: Die
Litauer mögen sehr gern Kartoffeln und Kohl in jedweder Form. Zum
Beispiel werden mit Hackfleisch gefüllte Kartoffelklöße, sog.
cepelinai
(wegen
ihrer Form). Saure
Sahne darf aber in keinem Supermarkt fehlen, wird sie doch gern
genommen, um z.B. Rote-Beete-Suppe
abzurunden. Es gibt eigentlich immer Suppe als Vorspeise. Dafür
gibt es in unserem Konsum keine Schlagsahne. Zum Tee wird ein nahezu
geschmackloser Käse mit Kümmel gereicht, den man, mit Honig
bestrichen, dazu ißt. Getränke werden gern selbst gemacht,
angefangen mit dem schon einmal erwähnten Baumsaft (oft von der
Birke), über Apfelmost hin zum ebenfalls bereits erwähnten Samogon,
dem hier üblichen Schnaps.
Von
den Schülern werden wir zurzeit gefeiert wie Popstars: Wir haben uns
und unsere Länder in der Schule vorgestellt. Die Tochter der
Leiterin der Folkloretanzgruppe (6. Klasse) kam freudestrahlend auf
mich zu und sagte: Du warst bei uns in der Klasse! Ich fragte sie, ob
sie alles verstanden habe, ja, meinte sie und strahlte mich an, und
es war total interessant!
Letzten
Mittwoch war russische Liederrunde. Wir sollten Lieder aus unseren
Ländern vorstellen. Ich wählte „99 Luftballons“. Als wir am
Ende eine Urkunde für unsere Teilnahme ausgehändigt bekamen,
brandete begeisterter Jubel auf. Egal, wo wir hingehen, in den
Supermarkt oder ins Büro, überall treffen wir auf Grüppchen von
Schülerinnen und Schülern, die kichern, wenn sie uns sehen, und uns
dann ein gewagtes „Hello!“ zurufen. Diese Form der
gegenleistungslosen Zustimmung ist gewöhnungsbedürftig, aber nicht
schlecht.
Nach
einer Fotoausstellung gestern wurde heute die restaurierte und
museumspädagoisch ausgestattete Raketenbasis offiziell eröffnet.
Ich war für Fotos von Besuchern zuständig, die sich in Uniformen
oder vor Sowjet-Relikten ablichten lassen wollten. Und ja, ich habe
ebenfalls eine Uniform angezogen.
Unter
den Gästen waren einige hohe Tiere, unter anderem die
Verteidigungsministerin. Der Direktor des Nationalparks eröffnete
symbolisch mit einem überdimensionalen Schlüssel die Ausstellung,
woraufhin eine Minirakete in den Himmel emporschoß.
Mehr
Bilder dieses Tages sind zu sehen unter http://ge.tt/20h042H.
Am
Sonnabend ging es dann gleich weiter mit arbeiten. Roma, ich und
unsere beiden Gäste Mariano und David fuhren zusammen mit anderen
auf die Schloßinsel, auf der, wie der Name sagt, früher einmal ein
Schloß stand, um dort aufzuräumen.
Anpacken
für unsere Umwelt
Foto:
Aldona Kuprelytė
Die Insel ist wunderschön! Sie ist bewaldet und durch und durch von Blumenwiesen bedeckt.
Ausruhen nach getaner Arbeit Mariano, David, Roma und ich
Am
Nachmittag fand in Palanga das Sankt-Georgs-Fest statt. Zu diesem
Zweck trafen sich Folklorevereine des ganzen Landes, um gemeinsam zu
feiern. Entgegen jetzt vielleicht aufkommenden Vermutungen sind diese
Veranstaltungen etwas für alle Generationen, es gibt in Vilnius
sogar einen eigenen studentischen Folkloreverein.
Versammlung am Teich des Stadtparks
Da ich leider über keine Tracht verfüge, trug ich als Zeichen der Zugehörigeit immerhin das Banner unserer Gruppe.
Den ganzen Abend
wurden Volkstänze getanzt, die offenbar alle auswendig kannten.
Und
ich war zum ersten Mal am Meer! Da ich aber diese Woche gleich noch
einmal da sein werde, zunächst einmal keine Bilder.
Dann
bis nächste Woche!
Wörter
zum Mitlernen:
šokti:
tanzen
gerti:
trinken
Baltijos
jūra: Ostsee
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