Mittwoch, 2. Mai 2012

Woche 7 und 8


Ich bin nicht rassistisch, aber ich möchte nicht, daß meine Tochter einen Dunkelhäutigen heiratet.“ Als ich dies aus dem Mund einer der vor Ort beschäftigten Englischlehrerinnen hörte, mußte ich schlucken. Ich hätte nie gedacht, daß Inhalt meines interkulturellen Lernens sein würde, zu lernen, wie intolerant Europa doch sein kann. Denn die Englischlehrerin ist kein Einzelfall. Mehrere Menschen, die ich hier getroffen habe, äußerten Befürchtungen, überfremdet zu werden durch immer mehr Zuwanderer (dabei ist Litauen das EU-Land mit den wenigsten Nicht-Muttersprachlern), eine andere Sorge geht dahin, durch die offenen Grenzen von Kriminalität überrollt zu werden, z.B. von „gypsies“. Aber auch (vielleicht: gerade) schlechte Eindrücke sind gute Erfahrungen.
Ich wollte schon lange mal was über das hiesige Essen erzählen: Die Litauer mögen sehr gern Kartoffeln und Kohl in jedweder Form. Zum Beispiel werden mit Hackfleisch gefüllte Kartoffelklöße, sog. cepelinai (wegen ihrer Form). Saure Sahne darf aber in keinem Supermarkt fehlen, wird sie doch gern genommen, um z.B. Rote-Beete-Suppe abzurunden. Es gibt eigentlich immer Suppe als Vorspeise. Dafür gibt es in unserem Konsum keine Schlagsahne. Zum Tee wird ein nahezu geschmackloser Käse mit Kümmel gereicht, den man, mit Honig bestrichen, dazu ißt. Getränke werden gern selbst gemacht, angefangen mit dem schon einmal erwähnten Baumsaft (oft von der Birke), über Apfelmost hin zum ebenfalls bereits erwähnten Samogon, dem hier üblichen Schnaps.

Von den Schülern werden wir zurzeit gefeiert wie Popstars: Wir haben uns und unsere Länder in der Schule vorgestellt. Die Tochter der Leiterin der Folkloretanzgruppe (6. Klasse) kam freudestrahlend auf mich zu und sagte: Du warst bei uns in der Klasse! Ich fragte sie, ob sie alles verstanden habe, ja, meinte sie und strahlte mich an, und es war total interessant!
Letzten Mittwoch war russische Liederrunde. Wir sollten Lieder aus unseren Ländern vorstellen. Ich wählte „99 Luftballons“. Als wir am Ende eine Urkunde für unsere Teilnahme ausgehändigt bekamen, brandete begeisterter Jubel auf. Egal, wo wir hingehen, in den Supermarkt oder ins Büro, überall treffen wir auf Grüppchen von Schülerinnen und Schülern, die kichern, wenn sie uns sehen, und uns dann ein gewagtes „Hello!“ zurufen. Diese Form der gegenleistungslosen Zustimmung ist gewöhnungsbedürftig, aber nicht schlecht.
Nach einer Fotoausstellung gestern wurde heute die restaurierte und museumspädagoisch ausgestattete Raketenbasis offiziell eröffnet. Ich war für Fotos von Besuchern zuständig, die sich in Uniformen oder vor Sowjet-Relikten ablichten lassen wollten. Und ja, ich habe ebenfalls eine Uniform angezogen. 
 

Unter den Gästen waren einige hohe Tiere, unter anderem die Verteidigungsministerin. Der Direktor des Nationalparks eröffnete symbolisch mit einem überdimensionalen Schlüssel die Ausstellung, woraufhin eine Minirakete in den Himmel emporschoß.


Mehr Bilder dieses Tages sind zu sehen unter http://ge.tt/20h042H.

Am Sonnabend ging es dann gleich weiter mit arbeiten. Roma, ich und unsere beiden Gäste Mariano und David fuhren zusammen mit anderen auf die Schloßinsel, auf der, wie der Name sagt, früher einmal ein Schloß stand, um dort aufzuräumen.

Anpacken für unsere Umwelt
Foto: Aldona Kuprelytė

Die Insel ist wunderschön! Sie ist bewaldet und durch und durch von Blumenwiesen bedeckt.

Ausruhen nach getaner Arbeit Mariano, David, Roma und ich

Am Nachmittag fand in Palanga das Sankt-Georgs-Fest statt. Zu diesem Zweck trafen sich Folklorevereine des ganzen Landes, um gemeinsam zu feiern. Entgegen jetzt vielleicht aufkommenden Vermutungen sind diese Veranstaltungen etwas für alle Generationen, es gibt in Vilnius sogar einen eigenen studentischen Folkloreverein. 

Versammlung am Teich des Stadtparks

Da ich leider über keine Tracht verfüge, trug ich als Zeichen der Zugehörigeit immerhin das Banner unserer Gruppe.

 

Den ganzen Abend wurden Volkstänze getanzt, die offenbar alle auswendig kannten.
Und ich war zum ersten Mal am Meer! Da ich aber diese Woche gleich noch einmal da sein werde, zunächst einmal keine Bilder.

Dann bis nächste Woche!

Wörter zum Mitlernen:
šokti: tanzen
gerti: trinken
Baltijos jūra: Ostsee

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