Gesegnete
Ostern euch allen!
Schon
wieder habe ich so viel erlebt, kaum zu glauben. Letztes Wochenende
war ich in Rusnė. Es liegt unmittelbar an der Memel und damit an der
Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad. Rusnė hieß früher Russ
und lag im sogenannten Memelland, dem Teil Ostpreußens, der nördlich
der Memel lag. Damit ist die Gegend nicht nur die Wiege Preußens,
sondern auch des modernen Litauens. Hier durfte litauisch gesprochen
und geschrieben werden, während im restlichen Teil Litauens lange
Zeit Rußland als Besatzungsmacht jegliche Bestrebungen dieser Art zu
unterbinden versuchte. Die deutschsprachige Geschichte ist immer noch
vielerorts sichtbar, sei es an alten Inschriften an Läden oder an
Grabsteinen der evangelischen Kirche, deren bloßes Vorhandensein
bereits unüblich ist. Aber auch der Baustil der Gebäude oder die
Alleen wirkten vertraut. Jetzt verstehe ich langsam, wie viele Ebenen
interkulturelles Lernen hat – durch die Fremdheit lernt man erst,
was „typisch deutsch“ ist. Da meine Kamera noch in Reparatur war,
fotografierte ich mit einer anderen Kamera, habe aber die Bilder zur
Zeit nicht zur Hand. Sie werden nachgereicht.
Mit
meiner inzwischen wiedererlangten Kamera war ich noch einmal in der
ehemaligen Raketenbasis. Ich möchte den geneigten Leser nicht mit
Details langweilen, deshalb nur ein kurzer Abriß: Hier wurden ab
1963 vier SS-12-Raketen mit Atomsprengköpfen unterirdisch
stationiert. Die Sprengkraft eines dieser Sprengköpfe war etwa halb
so groß wie die Sprengkraft aller im Zweiten Weltkrieg eingesetzten
Sprengkörper zusammen, so viel, wie eine Million Tonnen TNT
verursachen würde. (Allerdings war damit das Ende der Fahnenstange
noch lange nicht erreicht.) Bevor die Raketen letztendlich aufgestellt
wurden, wurden sie 1962 erst einmal von dort nach Kuba transportiert
und waren Gegenstand der Kuba-Krise. Als die US-Amerikaner die Basis 1978 auf Luftbildern entdeckten, wurde sie geschlossen.
Nachfolgend
ein paar Eindrücke von der
Ausstellung.
Die
Kuppel eines der Raketenschächte. Die Raketen konnten von hier aus
Ziele in ganz Europa erreichen.
Eine
Sammlung von Gasmasken
So
sähe eine Stadt nach dem Treffer einer SS-12 aus.
So
mußte man gekleidet sein, um den hochgiftigen Treibstoff in die
Raketen zu füllen.
Hinweis:
Wen das Museum interessiert, der kann sich auf der Internetseite des
Nationalparks (siehe „Andere Seiten“) darüber informieren; dort
gibt es auch einen kleinen Film von Schülern des Gymnasiums.
Letzte
Woche war ich in Žemaičių Kalvarija. Der Ort liegt ebenfalls auf
dem Gebiet des Nationalparks. Hier befindet sich eine gigantische
Basilika, von der aus Gläubige von ganz Litauen zu einem Kreuzweg zu
19 kleinen Kapellen aufbrechen, die über den ganzen Ort verteilt
sind und deren Entfernung der Entfernung des Kreuzwegs in Jerusalem
entspricht (auch der Ortsname erinnert an die Kreuzigungsstätte
Jesu). In besagter Basilika befindet sich eine Kopie des Grabtuchs
von Turin.
Basilika
Später
lieferten Romas Freund und einheimische Kinder sich noch eine
Schneeballschlacht.
Und
dann war ja noch Ostern. Pünktlich dazu schneite es mal wieder und
hörte auch gestern nicht mehr auf. Wir fuhren um vier Uhr morgens
los, um einer litauenweit einzigartigen Zeremonie beizuwohnen, die
bereits am Vorabend begonnen hatte: In einer Kirche standen vier als
Soldaten verkleidete Männer und bewachten ein am Boden liegendes
Kruzifix. Drei andere Gestalten mit Masken versuchen mit Zangen,
dieses zu stehlen, was diese mit ihren Holzschwertern verhindern
mußten. Nebenbei versuchten die Maskenmänner mit einem Hammer und
anderen Utensilien, die Soldaten abzulenken. Auch die Zuschauer
wurden in das Spektakel eingebunden, indem versucht wurde, ihre
Sachen zu stehlen. Für Stimmung war also gesorgt. Alle 20 Minuten
fand ein Wachwechsel statt. Anbei eine Aufnahme des ganzen:
Nach
dem nahtlos anschließenden Gottesdienst fragte ich Aldona, was es
damit auf sich habe, konnte aber nichts nennenswertes in Erfahrung
bringen. Mittlerweile habe ich mich im Internet informiert, demnach
sollen die Maskierten Juden darstellen. Ich fasse zusammen: Die in
liturgischen Farben gekleideten Soldaten verteidigen das Kreuz gegen
Juden, die sich dessen bemächtigen sollen. Ich glaube, ich muß
Aldona noch mal darauf ansprechen.
Überhaupt
fällt eines auf: Die Religiosität ist hier sehr stark ausgeprägt.
Sowohl in dieser Kirche als auch beim Gottesdienst in Plungė
reichten die Plätze nicht aus, die Leute standen bis zum Ausgang –
die besagte Kirche in der 23.000-Einwohner-Stadt Plungė ist
allerdings so groß wie die Marienkirche in Berlin!
Überall
am Wegesrand stehen Kreuze und Bildstöcke – diesen hier habe ich
gestern auf der Fahrt fotografiert:
Den
restlichen Ostersonntag verbrachte ich in der Familie meiner
Mentorin. Während sich die Erwachsenen ausschließlich auf litauisch
unterhielten (bis auf den Zuruf „Aaron – trinken!“), wandte ich
mich den Kindern zu. Wir spielten ein Spiel, das im Grunde so ging,
daß ich eine Frage auf litauisch stellte (z.B. „Kelinta
klasė?“/„In welcher Klasse bist du?“) und ihnen dann ein
Osterei zurollte. Wer es abfing, antwortete dann, und zwar zu meiner
Überraschung auf englisch. Wenn eines der Kinder mal das richtige
Wort nicht wußte, wandte es sich an den ältesten (11jährig), der
dann übersetzte. Die Kinder waren Feuer und Flamme und dachten sich
immer neue Fragen aus. Ich wurde bereits eingeladen, im Sommer erneut
zu kommen, das fanden die Kinder klasse.
So
weit erst mal. Ich möchte noch auf den „Extrablog“ hinweisen,
den ich in Kürze einrichten werde: Dort werde ich weitere Bilder
hochladen, da der Speicherplatz für einen Eintrag so knapp bemessen
ist. Er wird sich auch hier auf diesem Blog befinden und ist oben
rechts wählbar (über "Andere Seiten").
Wörter
zum Mitlernen:
Į
sveikatą!: Prost! (Auf die Gesundheit)
Linksmų
Velykų!: Frohe Ostern!
margutis:
Osterei
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