Montag, 9. April 2012

Woche 5

Gesegnete Ostern euch allen!
Schon wieder habe ich so viel erlebt, kaum zu glauben. Letztes Wochenende war ich in Rusnė. Es liegt unmittelbar an der Memel und damit an der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad. Rusnė hieß früher Russ und lag im sogenannten Memelland, dem Teil Ostpreußens, der nördlich der Memel lag. Damit ist die Gegend nicht nur die Wiege Preußens, sondern auch des modernen Litauens. Hier durfte litauisch gesprochen und geschrieben werden, während im restlichen Teil Litauens lange Zeit Rußland als Besatzungsmacht jegliche Bestrebungen dieser Art zu unterbinden versuchte. Die deutschsprachige Geschichte ist immer noch vielerorts sichtbar, sei es an alten Inschriften an Läden oder an Grabsteinen der evangelischen Kirche, deren bloßes Vorhandensein bereits unüblich ist. Aber auch der Baustil der Gebäude oder die Alleen wirkten vertraut. Jetzt verstehe ich langsam, wie viele Ebenen interkulturelles Lernen hat – durch die Fremdheit lernt man erst, was „typisch deutsch“ ist. Da meine Kamera noch in Reparatur war, fotografierte ich mit einer anderen Kamera, habe aber die Bilder zur Zeit nicht zur Hand. Sie werden nachgereicht.

Mit meiner inzwischen wiedererlangten Kamera war ich noch einmal in der ehemaligen Raketenbasis. Ich möchte den geneigten Leser nicht mit Details langweilen, deshalb nur ein kurzer Abriß: Hier wurden ab 1963 vier SS-12-Raketen mit Atomsprengköpfen unterirdisch stationiert. Die Sprengkraft eines dieser Sprengköpfe war etwa halb so groß wie die Sprengkraft aller im Zweiten Weltkrieg eingesetzten Sprengkörper zusammen, so viel, wie eine Million Tonnen TNT verursachen würde. (Allerdings war damit das Ende der Fahnenstange noch lange nicht erreicht.) Bevor die Raketen letztendlich aufgestellt wurden, wurden sie 1962 erst einmal von dort nach Kuba transportiert und waren Gegenstand der Kuba-Krise. Als die US-Amerikaner die Basis 1978 auf Luftbildern entdeckten, wurde sie geschlossen.
Nachfolgend ein paar Eindrücke von der Ausstellung.

Die Kuppel eines der Raketenschächte. Die Raketen konnten von hier aus Ziele in ganz Europa  erreichen.

Eine Sammlung von Gasmasken

So sähe eine Stadt nach dem Treffer einer SS-12 aus.

So mußte man gekleidet sein, um den hochgiftigen Treibstoff in die Raketen zu füllen.

Hinweis: Wen das Museum interessiert, der kann sich auf der Internetseite des Nationalparks (siehe „Andere Seiten“) darüber informieren; dort gibt es auch einen kleinen Film von Schülern des Gymnasiums.

Letzte Woche war ich in Žemaičių Kalvarija. Der Ort liegt ebenfalls auf dem Gebiet des Nationalparks. Hier befindet sich eine gigantische Basilika, von der aus Gläubige von ganz Litauen zu einem Kreuzweg zu 19 kleinen Kapellen aufbrechen, die über den ganzen Ort verteilt sind und deren Entfernung der Entfernung des Kreuzwegs in Jerusalem entspricht (auch der Ortsname erinnert an die Kreuzigungsstätte Jesu). In besagter Basilika befindet sich eine Kopie des Grabtuchs von Turin.

Basilika

Später lieferten Romas Freund und einheimische Kinder sich noch eine Schneeballschlacht.

Und dann war ja noch Ostern. Pünktlich dazu schneite es mal wieder und hörte auch gestern nicht mehr auf. Wir fuhren um vier Uhr morgens los, um einer litauenweit einzigartigen Zeremonie beizuwohnen, die bereits am Vorabend begonnen hatte: In einer Kirche standen vier als Soldaten verkleidete Männer und bewachten ein am Boden liegendes Kruzifix. Drei andere Gestalten mit Masken versuchen mit Zangen, dieses zu stehlen, was diese mit ihren Holzschwertern verhindern mußten. Nebenbei versuchten die Maskenmänner mit einem Hammer und anderen Utensilien, die Soldaten abzulenken. Auch die Zuschauer wurden in das Spektakel eingebunden, indem versucht wurde, ihre Sachen zu stehlen. Für Stimmung war also gesorgt. Alle 20 Minuten fand ein Wachwechsel statt. Anbei eine Aufnahme des ganzen:


Nach dem nahtlos anschließenden Gottesdienst fragte ich Aldona, was es damit auf sich habe, konnte aber nichts nennenswertes in Erfahrung bringen. Mittlerweile habe ich mich im Internet informiert, demnach sollen die Maskierten Juden darstellen. Ich fasse zusammen: Die in liturgischen Farben gekleideten Soldaten verteidigen das Kreuz gegen Juden, die sich dessen bemächtigen sollen. Ich glaube, ich muß Aldona noch mal darauf ansprechen.

Überhaupt fällt eines auf: Die Religiosität ist hier sehr stark ausgeprägt. Sowohl in dieser Kirche als auch beim Gottesdienst in Plungė reichten die Plätze nicht aus, die Leute standen bis zum Ausgang – die besagte Kirche in der 23.000-Einwohner-Stadt Plungė ist allerdings so groß wie die Marienkirche in Berlin!
Überall am Wegesrand stehen Kreuze und Bildstöcke – diesen hier habe ich gestern auf der Fahrt fotografiert:


Den restlichen Ostersonntag verbrachte ich in der Familie meiner Mentorin. Während sich die Erwachsenen ausschließlich auf litauisch unterhielten (bis auf den Zuruf „Aaron – trinken!“), wandte ich mich den Kindern zu. Wir spielten ein Spiel, das im Grunde so ging, daß ich eine Frage auf litauisch stellte (z.B. „Kelinta klasė?“/„In welcher Klasse bist du?“) und ihnen dann ein Osterei zurollte. Wer es abfing, antwortete dann, und zwar zu meiner Überraschung auf englisch. Wenn eines der Kinder mal das richtige Wort nicht wußte, wandte es sich an den ältesten (11jährig), der dann übersetzte. Die Kinder waren Feuer und Flamme und dachten sich immer neue Fragen aus. Ich wurde bereits eingeladen, im Sommer erneut zu kommen, das fanden die Kinder klasse.

So weit erst mal. Ich möchte noch auf den „Extrablog“ hinweisen, den ich in Kürze einrichten werde: Dort werde ich weitere Bilder hochladen, da der Speicherplatz für einen Eintrag so knapp bemessen ist. Er wird sich auch hier auf diesem Blog befinden und ist oben rechts wählbar (über "Andere Seiten").

Wörter zum Mitlernen:
Į sveikatą!: Prost! (Auf die Gesundheit)
Linksmų Velykų!: Frohe Ostern!
margutis: Osterei

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