Mittwoch, 21. März 2012

Woche 2


Interessant wurde die letzte Woche am Freitag, als Aldona, ich und drei Künstler nach Plungė zur Ausstellung fuhren. Die Kuratorin begrüßte mich mit ein paar Brocken Deutsch. Die Ausstellenden sind Künstler aus der Region.

Heiliger mit Hund

Auf žemaitische Art und Weise bemalte Eier


Nach einer Weile hatte ich alles gesehen, der Raum leerte sich. Die Kuratorin namens Zafyra kam freundlich lächelnd auf mich zu und befahl: „Bitte trinken Schnaps!“ Sie führte mich in einen Raum im Keller des Gebäudes, der voll mit Webstühlen stand. Dort war bereits ein kleines Büfett aufgebaut. Zunächst schenkte sie mir „Baum-Saft“ ein (was auch immer das ist, enthielt aber meiner sensorischen Analyse zufolge keinen Alkohol). Dann gab es Wodka. Der Raum füllte sich, und Zafyra sprach mit den Leuten abwechselnd auf deutsch, litauisch und englisch, während sie großzügig nachfüllte. Mir gegenüber saß einer der Künstler der Ausstellung, der mir sichtlich mitgenommen von Getränken verworrene Ratschläge auf englisch gab.
Wir fuhren zurück nach Plateliai, eine der Künstlerinnen bat uns zu sich in ihr Haus. Sie wohnt sehr schön an den Sümpfen am Rande des Städtchens; bei unserer Ankunft war es noch hell und es lag Nebel über den Sümpfen.

Ihr Haus ist sehr gemütlich. Neben allerlei Skulpturen, die sie selbst gemacht hat, hat sie sehr große Fenster, die zum Sumpf zeigen. Das Dachgeschoß ist ausgebaut und hat keine Wände. Großartig. Bei Kuchen und Wein kamen wir über mich ins Gespräch (sie spricht ziemlich gut deutsch) und alle waren begeistert von meinen Fremdsprachenkenntnissen. Sie lud mich ein, jederzeit wiederzukommen, ein Angebot, das ich garantiert nicht ausschlagen werde.

Blick ins Wohnzimmer, im Hintergrund der Sumpf


Die Tage zuvor herrschte Alltagsgeschäft. Ich sollte einen Text über den Freiwilligendienst und meine Motivation schreiben und einen über meinen ersten Eindruck. Außerdem bereitete ich einen Vortrag über Deutschland vor, den ich heute gehalten habe. Dabei fragte ich mich laufend, was es wert sei, in einem 15minütigen Vortrag erwähnt zu werden.

Alle bestätigen mir sprachliche Fortschritte. Seit letzter Woche habe ich dienstags und donnerstags Sprachkurs, wie gesagt bei einer nicht englischsprachigen Lehrerin. Und das geht so: Die Lehrerin, Irena, bereitet ein Blatt vor, auf dem links litauische Wörter und Sätze stehen und rechts die deutsche Übersetzung. Sie liest vor, ich spreche nach. Dann das gleiche umgekehrt auf deutsch, woran sie offensichtlich sehr interessiert ist. Tatsächlich verstehe ich auch immer öfter einzelne Wörter, wenn andere sich unterhalten.
Die litauische Sprache ist eine ganz besondere Sprache: Sprachforscher lernen sie, wenn sie den Zusammenhang der europäischen Sprachen mit Sanskrit erforschen wollen, weil Litauisch dem Sanskrit verhältnismäßig ähnlich ist. Teilweise ist die Sprache recht leicht. Zum Beispiel heißt Man reikia... wörtlich Mir nötig... und kann genutzt werden, wenn man etwas braucht (Man reikia pinigų – ich brauche Geld) oder wenn man etwas muß (man reikia eiti – ich muß gehen). Oft sind Prädikate unnötig: Mano vardas Aaron heißt Mein Name Aaron, fertig aus. Übrigens werde ich hier Aaronas genannt, um den Namen litauischer klingen zu lassen. Dafür gibt es z.B. für das Wort eins drei Übersetzungen, je nachdem, ob das gezählte Objekt männlich (vienas), weiblich (viena) oder nur in der Mehrzahl vorhanden ist (vieneri). Zählen ist generell nicht ohne, hier ein Beispiel:
  • eine Minute: viena minutė
  • zwei Minuten: dvi minutės
  • zehn Minuten: desimt minučiu
Alles klar?

Die litauische Sprache ist übrigens sehr pragmatisch. Die Wochentage heißen pirmadienis, antradienis (erster Tag, zweiter Tag, …), Himmelfahrt und Pfingsten heißen „sechste Woche“ bzw. „siebente Woche“ (nach Ostern).

Es folgen ein paar Bilder vom Sonnabend, an dem ich mit meiner Mitbewohnerin Roma durch die nähere Umgebung streifte. Es war mal wieder Nebel, was dem Fotografieren aber keinen Abbruch tat.




Der See sah im Nebel aus wie ein Meer bei Windstille.







Am Montag dieser Woche ging ich mit einem Biologen in den Wald in die Kernzone, um dort Bilder zu machen. Er fotografiert auch gern, und ich erhoffte mir von ihm ein paar Tips. Als wir an einen Bach gelangten, dessen Wasser vom Hochmoor gespeist wird und eine rötliche Färbung hat, geschah die Katastrophe. Ich rutschte aus und die Kamera fiel ins Wasser! Die nächsten Tage werden zeigen, ob ich sie weiternutzen werde können. Zunächst muß die Flüssigkeit aus dem Gerät gelangen, dann wird sie repariert.

Gestern war Earth Day. Im Gymnasium fand ein Wettbewerb statt, bei dem das schönste Vogelhaus prämiert wurde. Die Schüler veranstalteten einen Marsch durch das Dorf und schenkten der Nationalparkverwaltung selbstgebastelte Windräder. Infolge meiner Kamerainsuffizienz mußte ich auf Bilder meiner Kollegin Marija zurückgreifen. 

Das mit Abstand coolste Vogelhaus

Foto: Marija Jankauskienė

Einige Mitarbeiter der Verwaltung des Nationalparks. Ganz rechts ist Roma, links hinter dem großen orangefarbenen Windrad meine Mentorin Edita, ganz links Marija.
 


Foto: Marija Jankauskienė

Heute schließlich war ich im Kalter-Krieg-Museum: Mitten im Wald befindet sich eine ehemalige Raketenabschußbasis der sowjetischen Streitkräfte. Bilder folgen bei meinem nächsten Besuch, dann auch mit detaillierteren Informationen. Außerdem habe ich heute meinen Vortrag über Deutschland gehalten, der allgemein gefallen hat.

Meiner Kamera geht es auch schon wieder besser, Aldona war so liebenswürdig, sie nach Klaipėda mitzunehmen zur Reparatur – sie ist so eine gute Seele! – genaueres werde ich aber erst nächste Woche wissen.

Bis dann!

Wörter zum Mitlernen:
Malonų susipažinti: Schön, sie kennenzulernen
Man reikia...: Ich brauche.../Ich muß...
Ką reiškia... ?: Was bedeutet...

P.S.: Nun weiß ich, was Baumsaft ist. Die Leute  zapfen Flüssigkeit aus dem Baum und trinken sie, auch hier in meiner Nachbarschaft. Kannte ich bisher nicht. Wieder was gelernt.